Fremder, kommst du nach Stuttgart, steig' ab am Charlottenplatz, doch wundere dich nicht, wenn du hinter all dem Verkehr und einem häßlichen Hochhaus die Weinstube »Zur Kiste« nicht siehst.
Die »Kiste« in der Kanalstraße. Unsere Kiste. Die älteste Weinstube der Stadt, mit den drei übereinanderliegenden engen Stuben.
Mit den von tausend Hosenböden und Ärmeln polierten, hölzernen Bänken und Tischen. Fremder, kehr' ein, wenn du irgend Platz findest zwischen den Handwerkern, Politikern, Professoren, zwischen den Leisen und Lauten, den Künstlern, Weinzähnen und Bankdirektoren. Kehr' ein, wo Literaten die Welt oder auch nur ihre Brezel auseinandernehmen.
Setze dich dazu, wenn sie über Dummheiten aus dem Landtag oder die Heimschwächen des VfB parlieren. Allein bist du jedenfalls nie.
Vielleicht sitzt ja ein schweigsamer Bruddler neben dir, der den geschlagenen Abend nichts anderes tut, als die Patina der Paneelen mit seinen Zigarren noch dunkler zu färben. Vielleicht siehst du den Händen eines anderen an, was er tagsüber treibt - oder auch nicht. Vielleicht verstrickt dich einer in tiefgründige Philosophien zwischen Leben und Kunst.
Mag sein. dass der 99jährige Herr Bürkle dir, wenn du jung, eine Frau und hübsch genug bist, einen Platz an seiner Seite anbietet. Oder dass du von den Haushaltslöchern des Herrn Minister erfährst, noch bevor das in den Zeitungen steht.
"Von den Alten sterben ja viele weg", sagt die Kistenwirtin, Frau Wenger, "und trotzdem ist nie genug Platz." Sei's, dass der Daimler-Vorsitzende mit Gästen und Leibwächtern, wie neulich, eine ganze Etage belegt und hernach ihren köstlichen Zwiebelrostbraten lobt, oder der junge Staatssekretär für Wissenschaft und Kunst mit ein paar politischen Freunden die nächste Stammtisch-Generation der »Kiste« einläutet.
Längst hat die Kistenwirtin aufgegeben, sich all die Namen und Titel ihrer Gäste zu merken. Hier ist auch ein Minister nur ein Herr, und wer Teufel ist, weiß man auch ohne Amtsbezeichnung. In der »Kiste« geht der politische Streit zwischen Liberalen, Konservativen und Sozialdemokraten, wenn es sein muß auch über das vierte Viertel hinaus. Hier sorgen Lemberger und Riesling für den geistigen Ausgleich zu den Mühen des Alltags. Hier ist der Trollinger kein Wein, sondern ein Lebensgefühl. Hier hocken 50 auf den Plätzen von 30, Wohlhabende zwischen etwas Ärmeren, Gscheite neben weniger Gscheiten, Erfolgreiche und weniger Begünstigte, Beamte aller Besoldungsstufen, Freiberufler aller Richtungen, Politiker aller Färbungen, Künstler neben ihren Kritikern und sogar Unpolitische, um ihre Seele ein wenig in Wein und Fleischküchle mit Kartoffelsalat baumeln zu lassen.
"Nur wenn Christ- und Sozialdemokraten am selben Tag kommen, setz ich die einen in den ersten und die anderen in den zweiten Stock", sagt die Wirtin und holt mit einem Lastenaufzug aus dem letzten Jahrhundert Rostbraten mit Spätzle aus der Küche herunter, "sonst wird's mir zu laut."
Die Stiegen hinauf, in der ersten Etage des uralten Fachwerkhauses, schwitzen derweil Küche und Köchin, um dem Durst der Gäste eine habhafte Grundlage zu schaffen. "Schwäbisch, einfach, gut" heißt das Basisrezept. Maultaschen brauchen keine Raffinesse sondern einfach eine gute Brühe. Ob die Ochsenbrust zart ist, entscheidet der Metzger. Das schwäbische Rezept für gelungene Fleischküchle ist so simpel wie altbekannt: trockene Wecken auf 1 kg Fleisch, zwei Eier, feingehackte Zwiebeln, Knoblauch, Majo, Muskat, Pfeffer und Salz. Auch die schwäbische Variante des Kartoffelsalats entsteht neben Essig, Öl, Zwiebeln, Pfeffer und Salz durch die Brühe - oder feiner ausgedrückt: durch den Fond. Bratkartoffeln müssen rösch, Flädle dafür umso zarter sein. Und der Tellerrostbraten? Na ja! Aber das bleibt vorläufig das Geheimnis der Köchin.
So ist das eben in der Kiste, seit der Leibkutscher König Karls vor 186 Jahren seinen Dienst quittiert hatte, um eine Weinstube aufzumachen. Und so bleibt es. Und nicht einmal die Brauerei, die die Kiste vor ein paar Jahren gekauft hat, wird daran etwas ändern.